001 Chalid

Drohnenkriege
Gewalt produziert Hass, Hass gebiert Gewalt. Die Spirale des Todes.

Drumath Afghanistan

Für Chalid war es der schönste Tag in seinem Leben. Früh morgens schickte ihn der Vater auf die Paprikafelder am Bergrand. Er sollte die Felder bewässern. Das war eine Arbeit die er sehr gerne machte. Den kleinen Bachlauf aufstauen und dann an den einzelnen Feldparzellen die Zuflüsse öffnen bis alle Pflanzen dieser Parzelle schön nass sind. Dann kommt das nächste Feld dran. Er setzt sich so gerne unter einen Busch oder Baum, sieht das Wasser versickern freut sich mit den Pflanzen über das frische Nass und hängt seinen Gedanken nach.

Chalid ist 16 Jahre alt, hat einen älteren Bruder von 20 Jahren, eine kleine Schwester von 14 Jahren und noch 2 kleine Brüder 9 und 10 Jahre alt. Sie wohnen in Drumath, ein kleiner Ort mit ca. 200 Einwohnern am Rand der Berge. Alle Familien in Drumath sind Bauern oder kleine Handwerker.
Sein Vater ist Abdul Aslatkhan, Bürgermeister in Drumath, der die Entscheidungen der Alten durchzusetzen hat und auch sonst der Mann, der im Ort für Ordnung sorgt. Schon sein Großvater war Bürgermeister.
Was im Ort zu regeln ist macht der Rat der Alten unter sich aus.
Gestern Abend, als Chalid hinter einem dichten Zaun den Boden im Hühnerhof mit einer Schaufel glatt schob, hörte er vor dem Zaun seinen Vater mit Homat Mehmer reden, einem angesehenen Bauer aus Drumat. Homat Mehmer sagte zu Chalit`s Vater „ meine Elem ist jetzt schon 14 Jahre alt. Sie würde doch sehr gut zu deinem Chalid passen. Was meinst du? „ Ja,ja hörte er seinen Vater sagen, „das wäre mir schon recht“.
Chalid stand wie angewurzelt, es wurde ihm ganz heiß, er bekam kaum noch Luft. Ganz langsam und leise schlich er sich davon. Er hätte platzen können vor Freude. Die Elem, das schönste Mädchen im Dorf, sollte er heiraten. Ihm wurde fast schwindelig.
Jetzt saß er hier, im Schatten, und träumte von Elem.
„Hallo Chalid“. Er schreckte auf. Elem stand keine 10 Meter von ihm entfernt. Sie hatte einen Korb mit Kräutern in der Hand. Unbefangen hüpfte sie auf Ihn zu. Setzte sich zu ihm, und fing sofort an fröhlich darauf los zu plappern. Er hörte nicht was sie sagte. Er sog den Duft ihrer Haare ein, starrte sie an und schwebte wie auf Wolken, bis sie sich wieder erhob und ihm sagte, dass sie nach Hause müsse, weil die Ziegen bestimmt schon auf ihr Futter warteten. Fröhlich hüpfte sie davon und Chalid wurde es wieder schwindelig vor Glück.
Es fing schon an zu dämmern, als Chalid sich in Richtung Dorf auf den Weg machten. Sein Elternhaus war ein schönes großes Haus aus Lehm am Rande des Dorfes. Er war noch ca. 300 Meter vom Haus entfernt, da sah er urplötzlich einen hellen, grellen Blitz beim Haus und eine laute Detonation. Die Luft erzitterte, ein Rauchpilz stieg beim Haus auf. Er rannte los.

Abdul war der älteste Sohn des Bürgermeisters von Drumath. Abdul studierte in Kabul. Er sollte das Dörfchen Drumath in die Zukunft führen. Er sollte Landwirtschaft studieren und moderne Anbaumethoden nach Drumath bringen. Die Bauern erhofften in der Zukunft Überschüsse zu erwirtschaften, damit Maschinen angeschafft werden könnten. In Kabul hatte Abdul viele Bekannte. Er war ein geselliger Mensch und auch politisch interessiert.
An diesem Freitag wurde in Kabul ein Selbstmord-Anschlag verübt. Ein weißer PKW soll sich verdächtig schnell vom Tatort entfernt haben. Nach diesem Fahrzeug wurde gesucht. Die Amerikaner setzten Aufklärungsflugzeuge und Kampfdrohnen ein.
Abdul war mit einem Studienfreund in einem weißen PKW Richtung Gebirge, also Richtung Heimat, dem Dörfchen Drumath, unterwegs. Ein Aufklärer hat das Fahrzeug entdeckt. Weil es schnell Richtung Berge fuhr, war es verdächtig. Das Fahrzeug wurde an die Einsatzzentrale der Kampfdrohnen gemeldet. Diese Einsatzzentrale ist in USA, über 12.000 km von Kabul entfernt.

****************

Chris Baecker ist ein smarter Bursche aus dem US-Staat Alabama. Er ist 26 Jahre alt. Nach einem guten Schulabschluss heuerte er bei der US-Armee an. Er hat schon immer gerne Computerspiele gespielt und bewarb sich darum zur Ausbildung für die Führung von Kampfdrohnen.
Chris Baecker ist verheiratet und hat eine Tochter. Er hat Schichtdienst. Im Sommer geht er oft vormittags mit Frau und Tochter an den Strand wenn er nachmittags Dienst hat.
Am schönsten Tag im Leben des Chalid aus Drumath in Afghanistan hat Chris Baecker die Vormittagsschicht. Es ist ein schöner Tag. Die Sonne scheint, es ist warm. Alle Kollegen sind guter Laune, man verabredet sich für heute Nachmittag am Strand. schwimmen, herumtollen, Eis essen, – das Leben genießen.

Ortszeit USA
Sein Arbeitsplatz ist nicht weit vom Strand in einem Hochsicherheitsgebäude. Weiße neonbeleuchtete Gänge, zweites Untergeschoß. Sein Leitstand ist zweckoptimiert. Ein Raum, kalt und unpersönlich, kein Grün, kein Fenster, zwei Steuerplätze, ein kleiner Tisch, mehrere Stühle, die Frontwand voller Bildschirme. Er bekommt von seinem Gruppenleiter Drohne 11 zugewiesen.
Die Drohne 11 fliegt in mehreren tausend Metern Höhe über Afghanistan von der Erde aus unsichtbar und unhörbar. Fast auf der entgegengesetzten Seite der Erde, in über 12.000 km Entfernung sitzt der nette Chris Baecker am Steuerpult. Chris steuert die Drohne, immer im Ziel-Visier das Auto, in dem Abdul und sein Studienfreund sitzen. Sie ahnen nichts, freuen sich auf Zuhause.
Im Hintergrund des Steuerpultes diskutieren der Gruppenleiter und der Einsatzleiter der Drohne 11.
„Sind sie das?“
„Scheint so“.
„Warte ab.“
Es erscheint auf dem Bildschirm des Steuerpultes der Ort Drumat. Das weiße Auto fährt in großem Tempo auf das Dorf zu. Am Ortsrand sieht man dann ein Lagerfeuer nur ein paar Meter von einem großen Haus entfernt. Um das Lagerfeuer sitzen 4-5 Personen. Das Fahrzeug fährt auf das Lagerfeuer zu. 2 Personen steigen aus. Sie gehen schnell auf die Wartenden zu, man umarmt sich, freut sich.

Im Hintergrund des Steuerpultes der Kampfdrohne:
„Das sind sie.“
„ An der Mauer, siehst du das?“
„Da stehen mehrere – sind das Gewehre?“
„ – Sieht man nicht genau –„
Der Einsatzleiter:
„Das sind sie – ich bin sicher“.„Schieß sie ab Chris.“

Wie beim Computerspiel umgreift Chris den Joystick fester, drückt mit beiden Fingern die Feuer-Taste. Ca. 3 Sekunden und auf dem Bildschirm erscheint ein Feuerball.
Einsatzleiter, Gruppenleiter und Chris schauen sich das Bild noch ein paar Sekunden an. Der Rauch verzieht sich. Chris steuert die Drohne zum Stützpunkt zurück, dann schreibt er einen Bericht über den Einsatz von Drohne 11.

Meldung für die Nachrichtenagenturen weltweit
Sieben Helfer des Selbstmord-Attentäters von Kabul konnten beim Dorf Drumath ausgeschaltet werden.

Meldung in Kabul über den Zwischenfall in Drumat
Bei einem Raketenangriff auf das Dorf Drumat wurden 12 Dorfbewohner getötet.
2 Studenten kamen für das Wochenende aus Kabul nach Hause und wurden am Dorfrand vom Bürgermeister und 5 weiteren Bauern empfangen. In der Nähe spielten 2 Mädchen. Eine Rakete wurde gezielt auf diese Gruppe abgefeuert. Alle Personen waren sofort tot. Das Haus stürzte ein. Die Frau des Bürgermeisters und ein Mädchen starben am nächsten Tag an ihren Verletzungen. Die Regierung wird den Zwischenfall untersuchen.

Ortszeit Drumath

Chalid rannte auf das Dorf zu. Das Haus seiner Familie war zusammengebrochen. Vor dem Haus brannte ein Auto. Auch der Baum, unter dem sich in der Mittagshitze meist die Männer trafen um zu palavern, brannte in hellen Flammen. Auch die Büsche ca. 10 Meter daneben brannten. Daneben lag ein Bündel. Rauch stieg aus dem Bündel auf. Er schaute ungläubig über den Platz und konnte das gesehene nicht begreifen. Über den großen Stein nahe dem Brunnen lag er Körper eines Mannes. Der Turban war weg. Aus den Haaren stieg Rauch, das Gesicht war ganz schwarz. Er hatte nur noch ein Bein. Aus dem Stumpf des anderen Beines, es war am Knie wohl abgerissen, tropfte Blut in den Sand des Platzes. An der Mauer zu ihrem Haus lag ein Mann. Dieser Mann hatte den Kaftan seines Vaters an. Der Mann rührte sich nicht, obwohl der Kaftan in hellen Flammen brannte. Direkt neben dem brennenden Auto sah er einen Mann ohne Kopf liegen.
Bisher war es sehr still, nur das Feuer knisterte. Er konnte sich nicht bewegen, sein Kopf war leer.

Aus den engen Gassen zwischen den Häusern kamen plötzlich mehrere Leute auf den Platz gerannt.
Zwei Frauen stürzten laut schreiend auf eines der rauchenden Bündel neben dem brennenden Busch zu. Die jüngere Frau, sie war die Mutter des vielleicht 10 Jahre alten Mädchens nahm das Kind hoch und wollte wohl die glimmenden Kleiderreste entfernen. Das Mädchen wimmerte nur. Eine Hand fehlte, der Unterarm endete in einem schwarzen Stumpf. Die Haare waren weg gebrannt. Der Kopf war ganz rot mit schwarzen Flecken. Die Lippen waren aufgeplatzt. Die Augen waren blutunterlaufen und unnatürlich weit aufgerissen. Jetzt entwickelten sich Brandblasen. Die Haut wölbte sich. Das Kind wimmerte, der Körper fing an zu zittern. Die beiden Frauen schrien ununterbrochen.

USA – Ortszeit

Chris Baecker hatte Dienstschluss. Er fuhr nach Hause und war bester Laune. Wie schon mit den Freunden und der Familie abgesprochen fuhr man zum Strand. Es war ein wunderschöner Tag. Chris besorgte einen Sonnenschirm und Liegestühle. Er liebte seine ca. 10jährige Tochter abgöttisch. Sie kroch zu ihm auf den Liegestuhl, schmiegte sich an seinen Kopf und fragte: “Daddy bekomme ich jetzt ein Eis?“ „Natürlich mein Schatz“. Er erfüllte ihr jeden möglichen Wunsch. Sein Leben würde er für Sie geben.

Drumat Ortszeit

Homat Mehmer ist in der Zwischenzeit auf den Platz gekommen. Er hatte ein Gewehr dabei. Damit schoss er in die Luft und schrie so laut er konnte: „Runter vom Platz – sofort zwischen die Häuser – die Christen-Teufel beobachten uns. Sie sind über den Wolken und können uns trotzdem sehen. Sie warten nur bis genug Menschen auf dem Platz sind, dann feuern sie die nächste Rakete auf uns. Zurück – zurück“. Zögernd folgten die Menschen dieser Aufforderung.
Die beiden Frauen schrien immer noch. Das Mädchen hatten sie auf eine Decke gelegt. Die Mutter ist zusammengesunken, kniete zuerst, fiel um und rollte auf den Rücken. Jetzt schluchzte und wimmerte sie und schaute mit leeren Augen in den Himmel.
Das kleine Mädchen fing jetzt an zu schreien und zitterte. Homat Mehmer ging zu der älteren Frau die vor der Decke mit dem Mädchen stand. Sie war die Großmutter des Mädchens. Er kniete nieder und schaute das Mädchen an. Der ganze Körper war mit Brandblasen übersät. Das Gesicht war fast nicht mehr zu erkennen. Die Haut ging in Fetzen vom kleinen zarten Körper. Das wimmerte das Kind nur noch mit aufgerissenem Mund und aufgerissenen Augen.
Es musste furchtbare Schmerzen erleiden.
Homat Mehmer sagte zur Großmutter: „Es gibt auf der ganzen Welt keinen Arzt der sie retten könnte, und im Umkreis von 50 Kilometer gibt es seit Wochen keinen Arzt mehr.“
Die Großmutter schrie schon eine Weile nicht mehr. Es liefen ihr nur noch unaufhörlich Tränen über das Gesicht. Sie holte tief Luft, die Augen wurden leer. Sie nahm den geschundenen Körper des Mädchens hoch, mit der rechten Hand griff sie an die Kehle des Kindes und drückte zu. Nach 10 Sekunden wurde der Körper des Mädchens schlaff, die Schmerzen hatten ein Ende. Die Großmutter wollte ihr die Augen schließen, doch die Lider waren abgebrannt. Leere Kinderaugen starrten in die Nacht. Die Großmutter legte das Bündel auf den Boden. –
Rechts und links des toten Kindes lagen die beiden Frauen auf dem Boden, schluchzten und schrien Ihren Schmerz hinaus bis in den frühen Morgen.

Ortszeit USA

Es war ein schöner Tag am Strand. Chris Baecker kauft seiner Tochter noch ein Gummitier als Schwimmhilfe. Die ganze Familie tobte den Strand entlang, man spielte mit den Freunden und verabredete sich dann zum Pizzaessen abends beim Italiener. Ein schöner Tag voller Spaß und Freude ging in USA zu Ende. Chris erinnerte seine Frau vor dem Schlafengehen: „Morgen ist Sonntag, da gehen wir in der Frühe zur Kirche. Dann können wir ja wieder an den Strand.“

Drumat

In der Nacht waren die meisten Einwohner im Lagerhaus. Drei Männer gingen immer wieder mit abgedunkelten Taschenlampen zum Platz des Raketeneinschlages. Sie sammelten Leichenteile ein und trugen diese ins Lagerhaus. Dort versuchte man diese zuzuordnen.
Bei den Büschen fand man ein größeres Mädchen. Das Gesicht war verbrannt, alle Haare waren weg. An der Kleidung erkannte Chalid seine Elem. Die Leichen seines Vaters und seines Bruders hatte man vorher schon gebracht. Er saß auf dem Boden, zu keiner Regung fähig. Sein Kopf war leer, er fühlte nichts, grenzenlos verlassen in Raum und Zeit. Wie tot.
Der Morgen dämmerte. Aus einem Nachbardorf sind Männer mit einer Zugmaschine gekommen. Die Frau des Bürgermeisters und ihre kleine Tochter fehlten noch. Sie mussten unter den Trümmern des Hauses verschüttet sein. Die Männer begannen die Trümmer wegzuräumen. Man fand die Frau in einem kleinen Hohlraum eingeklemmt unter einem Balken. Die Männer wollten Sie herausziehen. Sie stöhnte sehr laut und bekam einen knallroten Kopf. Sie musste furchtbare Schmerzen haben. Als man sie freigegraben hatte, stellte ein Mann fest, dass der Oberkörper gequetscht, und das Becken gebrochen war. Man konnte sie nicht bewegen ohne ihr schlimme Schmerzen zuzufügen. Währen die Männer den Stall frei räumten um das Mädchen, Chalid`s kleine Schwester zu suchen, ist die Mutter gestorben. Kurze Zeit später fand man das Kind. Sie muss sofort tot gewesen sein. Eine Mauer ist umgefallen und ein großer Stein hatte ihr den Kopf zertrümmert. Der Schädel war gebrochen und die Hirnmasse war auf dem Boden ausgebreitet. Chalid registrierte nichts mehr.

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USA

Am Sonntagmorgen war die Tochter von Chris Baecker schon früh wach. Fröhlich hüpfte sie ins Bett der Eltern und plapperte drauf los. „Ihr habt`s versprochen, heute gehen wir wieder an den Strand“. „Heute ist Sonntag sagte Chris`Frau. Erst gehe n wir in die Kirche.“
Nach dem Frühstück putzten sie sich fein heraus und fuhren zur Kirche.
Der Pastor predigte über Nächstenliebe und las die Geschichte von Kain und Abel vor.
Sie beteten voller Andacht und der Pastor verabschiedete alle Kirchenbesucher nach Ende des Gottesdienstes mit freundlichen Worten. Auf der Heimfahrt fragte Chris`s Tochter unvermittelt: „Daddy ist es schlimm einen Menschen im Streit zu erschlagen?“ Chris`s Frau antwortete der Tochter: „Es ist die schlimmste Sünde die ein Mensch begehen kann, wenn er einen anderen Menschen tötet.
Es gibt keine schlimmere Schuld, die man auf sich laden kann“.
„Wenn aber der andere den Streit angefangen hat“?
„Das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten.
Gott fragt nicht nach dem Warum, Gott kennt kein Aber, Gott diskutiert nicht.
„Das Gebot sagt: DU SOLLST NICHT TÖTEN“.
Ein schöner Tag am Strand folgte.

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Eine Woche später.
Chris war auf der Heimfahrt als ihn ein Motorradfahrer überholte. Es war sehr warm. Der Motorradfahrer hatte einen Helm auf, sein dünnes Hemd hatte er offen, es flatterte im Fahrtwind. An der nächsten Kreuzung wollte er in voller Fahrt nach links abbiegen. Das Motorrad kam in der Kurve auf eine Öllache. Der Fahrer fiel mit dem Motorrad auf die Seite, rutschte mit hohem Tempo quer über die Kreuzung unter einen abbiegenden LKW.
Chris fuhr rechts an den Straßenrand und hielt an. Er stieg aus und eilte dann zum Unfallort. Man hatte den Motorradfahrer schon unter dem LKW hervorgezogen. Mehrere Menschen standen um ihn herum. Der Motorradfahrer hatte den Leib aufgerissen, Därme quollen hervor. Der Helm war abgerissen. er hatte noch eine Wunde am Kopf und ein Bein stand grotesk vom Körper ab. Die Augen weit geöffnet und ganz starr. Der Mann war tot. Chris starrte ungläubig auf den Toten. Es wurde ihm ganz heiß. Er drehte sich um, ging zum Straßenrand und musste sich übergeben. Er zitterte am ganzen Körper. Es war der erste tote Mensch den er gesehen hatte. Es war fürchterlich.
In der folgenden Nacht konnte Chris nicht schlafen. Gegen morgen dämmerte er ein.
Im Traum sah er sich im Leitstand. Sein Einsatzleiter stand vor ihm und lobe ihn, doch dann veränderte sich sein Gesicht, er wurde immer lauter, er schrie ihn an: „Was hast du getan? Was hast du getan? Das Gesicht des Einsatzleiters verzerrte sich vor Wut. Plötzlich standen sie in der Wüste. Überall lagen Leichteile, abgerissene Beine, tote Kinder, Köpfe mit toten Augen.“ Was hast du getan? Was hast du getan?“ Das Gesicht des Einsatzleiters verwandelte ich in eine grinsende Teufelsfratze.
Eine Menge Leute, die leeren Augen auf ihn gerichtet, stumm, standen sie am Rande.
In einiger Entfernung war ein riesiges Feuer. Seine Frau und seine Tochter gingen darauf zu. Rechts und links festgehalten von uniformierten Männern. Seine Frau schaute nicht zurück. Seine Tochter schaute zu ihm zurück, sie weinte lautlos. Tränen liefen über ihre Wangen.
Er wollte sie zurückholen, doch er konnte sich nicht bewegen. Rechts und links von ihm standen zwei Wachsoldaten aus dem Leitstand. Er kannte sogar ihre Gesichter. Die beiden hielten ihn eisern fest. Ihm wurde heiß, er glühte förmlich von innen, er wollte zu Frau und Kind rennen, er wollte schreien. Bewegungslos war er, wie festgemauert, es erstickte sein Schrei im Hals. Als die beiden uniformierten Männer Frau und Tochter in das Feuer warfen, wachte er auf. Er war schweißgebadet, sein Herz raste, seine Frau saß ihm gegenüber im Bett und starrte ihn furchtsam an.

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Drumath

Chalid hatte noch zwei kleine Brüder zehn und 12 Jahre alt. Zum Zeitpunkt des Raketenangriffes waren die beiden am anderen Ende des Dorfes bei einer Tante. Zwei Tage ist auch Chalit jetzt bei dieser Tante. Er hat noch kein Wort gesprochen und auch nichts gegessen. Am Morgen des dritten Tages war er verschwunden.
Chalit ging nach Kabul. Unterwegs wurde er von einem fahrenden Händler mitgenommen der Waren in die Stadt brachte. Der Händler fragte ihn aus und Chalid sagte ihm, dass die Christen-Teufel seine Familie ermordet hätten. Der Händler sagte ihm eine Adresse in Kabul, bei der er Hilfe bekommen könnte. Bei der Adresse nahm man ihn freundlich auf. Doch Chalid war verzweifelt. Vater, Mutter, Bruder, Schwester – alle tot. Er fühlte sich alleine auf der Welt. Verlassen, zerstört, nutzlos, wie tot. Nachts konnte er nicht schlafen, er schreckte dauern auf.
Eine Woche später brachte man ihn außerhalb der Stadt in ein Gehöft. Ein alter Mann mit fanatischen Augen empfing ihn. Der religiöse Eiferer redete auf ihn ein:
Schon seit uralten Zeiten lebt unser Volk in diesem Tal. Es gab schon immer Kriege und Auseinandersetzungen mit Eindringlingen. Wir haben Sie alle zurückgeschlagen. Dieses mal haben wir es mit einem Gegner zu tun der sehr gefährlich ist. Die Christen-Teufel. Sie nennen sich gute Menschen, sind aber verkleidete Teufel. Sie fliegen mit ferngesteuerten Flugzeugen lautlos über den Wolken, – und sehen uns doch. Sie haben Augen und Ohren überall. Sie haben viele dumme und gewissenlose Leute unseres Volkes mit viel Geld bestochen, damit diese ihnen helfen unser Volk zu vernichten.
Sie wollen all unsere Ordnung umändern, sie wollen, dass wir an ihren Gott glauben. Dabei wollen Sie uns nur unterjochen. Sie wollen uns zu ihren Sklaven machen. Ihr Gott ist das Geld. Mit ihrem Geld denken sie sie könnten alles kaufen. Auch unseren Gott. Viele unserer Landsleute lassen sich blenden, lassen sich kaufen, werden zu Helfern dieser Christen-Teufel.

Mehrmals in den nächsten Tagen sprach der alte Mann mit Chalid.

Die Christen-Teufel hatten Chalid alles genommen. Sie haben sein Leben zerstört. Sie haben Vater, Mutter, Geschwister und Elem grausam ermordet. Chalid hatte keine Zukunft mehr. Alles war leer. Wenn er Christen-Teufel töten würde, dann käme er wieder zu seiner Familie, zu Elem, in ein Paradies, wo es noch schöner als es in Drumath war. So hatte der alte Mann gesprochen. Es gab für Ihn nur einen Weg. Was sollte er hier, alleine, immer bedroht von den Christen-Teufeln? So wie sie grundlos Drumath zerstört hatten, könnten sie jederzeit auch ihn töten. Sie haben ihn ja dauernd unter Beobachtung mit ihren Spion-Flugzeugen über den Wolken.
Wenn Chalid aus dem Haus ging, schaute er immer öfter suchend zum Himmel. Schaute nach jedem Punkt bis zum Horizont. Er entwickelte eine Psyschose. Permanent war er in Angst entdeckt und abgeschossen zu werden. Bei bewölktem Himmel ging er nicht mehr aus dem Haus. Sein Kopf war leer. Er wurde vor dauernder Angst gefühllos für das was um ihn herum vorging.
Er wollte ins Paradies, zu Elem und seiner Familie.

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USA

Chris Baecker hatte keine ruhige Nacht mehr. Immer öfter betrank er sich. Schlief er ein, kamen immer diese furchtbaren Träume. Er trank immer mehr Alkohol um zu vergessen. Wenn er getrunken hatte, wurde er aufbrausend, schlug auch mal seine Frau wegen einer Nichtigkeit.
Die Unterlagen über seine bisherigen Drohnen-Einsätze waren streng geheim. Er forschte fieberhaft nach und kam auf ca. 44 von ihm offiziell getötete Menschen. Nach ca. zwei Wochen zitterte Chris Baecker wenn er den Leitstand betrat.
Er kam in psyschiatrische Behandlung.
Nach 1 Jahr wurde er von der Armee ausgemustert. Seine Frau verließ ihn mit der Tochter. Zu seinem Psyschiater sagte er bei der letzten Sitzung: „Die Hölle, mit Feuer und Teufel, ist nicht da unten im Boden. Nein, die Hölle ist in meinem Kopf. Ich bin in der Hölle angekommen.“

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Drumath

Brief von Chalid an die Großfamilie der Aslatkhan
Ein Bote brachte dieses Schreiben unter größter Geheimhaltung zur Tante von Chalid.
Liebe Tante Debkir, lieber Onkel Abduschan,
bitte versammelt alle Mitglieder des Aslatkhan-Clans und lest diesen letzten Brief von mir vor. Meine Brüder Kadith und Amasan sollen den inhaltlichen Sinn des Briefes auswendig lernen. Versteckt den Brief gut. Wenn die Brüder erwachsen sind sollen sie diesen Brief für immer als Vermächtnis bewahren.


Lieber Kadith, lieber Amasan,
die Christen-Teufel haben unseren lieben Vater getötet, sie haben unsere liebe Mutter getötet, sie haben unseren großen Bruder und unsere kleine Schwester getötet. Die Christen-Teufel haben auch viele andere Einwohner in unserer Heimat grundlos heimtückisch ermordet. Die Christen-Teufel sind zu euch freundlich, sagen immer sie wären gute Menschen und wollten uns nur helfen. Glaubt Ihnen nicht. Wenn wir arglos sind, schleichen Sie sich lautlos hoch am Himmel oder über den Wolken an, töten uns heimtückisch mit ihren Raketen, zerstören ganze Dörfer. Sie haben furchtbare Waffen. Mit ihrem Geld kaufen sie gutgläubige Menschen aus unserem Land und machen sie zu ihren Helfern. Sie denken sie könnten auch unseren Gott kaufen. Unsere Mädchen und Frauen wollen sie nackt in ihrem Fernsehen zeigen und sich an deren Anblick ergötzen. Die Männer unseres Volkes wollen sie zu ihren Sklaven machen.
Seid wachsam. Seid freundlich zu den Christen-Teufeln. Täuscht Zusammenarbeit vor, erwerbt ihr Vertrauen. Doch vergesst nie die große Aufgabe. Wenn sie dann sorglos sind, habt kein Erbarmen. Tötet sie. Tötet die Christen-Teufel wo immer es möglich ist. Tötet sie so wie sie uns töten. Heimlich, ohne Vorwarnung. Tötet sie überraschend.
Die Christen-Teufel haben die Saat des Hasses in den Boden unserer Heimat gelegt. Sie sollen die nächsten tausend Jahre die fürchterlichen Früchte ihrer heimtückischen Saat ernten müssen. Ich nehme euch beim Gedenken an alle unsere Vorfahren den heiligen Schwur ab: Tötet die Christen-Teufel wo immer es möglich ist.

Euer Bruder Chalid

Der Bote ermahnte die Familie Aslatkhan den Ort Drumath zu verlassen. Spätestens zum Monatsende werde eine große Menge von Christen-Teufeln kommen und den Ort zerstören. Auf die Frage nach dem WARUM? Gab er keine Antwort.
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Kurz vor Monatsende reihte sich ein dicklicher junger Mann mit blassem, fahlem Gesicht in die Besucherschlange vor dem Stützpunkt der USA in Kabul ein. Als ein Soldat ihn an der Pforte einer Leibesvisitation unterziehen wollte, rannte der junge Mann ins Gebäude. Er wurde im Vorraum überwältigt. In diesem Moment explodierte die Gürtelbombe des Selbstmord-Attentäters.

Nach der Identifizierung der Leiche Chalid`s wurde bei der Lagebesprechung in den USA, der Ort Drumath als gefährlicher Taliban-Stützpunkt hochgestuft.

Kommentare erwünscht.

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2 Gedanken zu “001 Chalid

  1. Mir bleiben die Worte weg wie dem kleinen Chalid

    Daher hier nur ein brandaktuelles Lied in dem das „Töten wie im Videospiel“ thematisiert wird.

    Und ein Interview (Englisch) mit einem ehemaligen US-Drohnen-Operator.

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